News aus den Finanzmärkten

Vom Bargeld zum digitalen Euro

Dr. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt
Lesedauer: 7 Min
Verschiedene Notenbanken loten die Möglichkeiten von digitalen Währungen aus. Die Konzepte unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander. Die Europäische Zentralbank (EZB) will den digitalen Euro auch Privatpersonen und Unternehmen zur Verfügung stellen. Damit geht sie sehr weit.

Die Notenbanken rüsten sich für eine Zukunft, in der das Bargeld an Bedeutung verliert. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) testen etwa die Möglichkeiten eines digitalen Zentralbankgelds. Allerdings soll dieses Buchgeld zunächst nur für Teilnehmer am Finanzmarkt zugänglich sein. Die chinesische Notenbank geht deutlich weiter und steht kurz vor der Markteinführung. China könnte schon zu den olympischen Winterspielen im Februar 2022 einen digitalen Yuan für Private und für Touristen zur Verfügung stellen.

Die EZB tüftelt ebenfalls und hat mit dem digitalen Euro Unternehmen und private Haushalte als Benutzer vor Augen. Für den eEuro dürften noch in diesem Jahr wichtige Weichen gestellt werden. Mitte 2021 wird entschieden, ob ein konkretes Projekt gestartet wird. Die Implikationen einer digitalen Währung sind erheblich und zahlreiche praktische Probleme sind noch nicht gelöst. Wir beantworten im Folgenden die wichtigsten Fragen zum digitalen Euro:

Was ist ein digitaler Euro?

Zukünftig soll es Zentralbankgeld auch in digitaler Form für alle geben. Zum Zentralbankgeld gehören bislang das Guthaben der Geschäftsbanken bei der Notenbank sowie Münzen und Geldscheine. Mit einem digitalen Euro wäre es auch Bürgern und Unternehmen möglich, Konten bei den Zentralbanken zu unterhalten, ähnlich denjenigen der Geschäftsbanken. Das bei der Notenbank - oder in dem Fall bei der EZB - unterhaltene Guthaben stünde für bargeldloses Bezahlen bereit. Dies könnte etwa mittels einer Zahlkarte oder eines Smartphones geschehen. Solche Details sind aber noch nicht geklärt. Letztlich wird also das gewohnte Bargeld in Form von Münzen und Scheinen in die digitale Welt überführt.

Warum soll es einen digitalen Euro geben?

Das bargeldlose Bezahlen ist auf dem Vormarsch. Die Entwicklung wurde durch das Corona-Virus und die Bewegungseinschränkungen beschleunigt. Laut einer Umfrage der deutschen Bundesbank nutzten im Jahr 2020 nur noch drei von fünf Konsumenten Bargeld als Zahlungsmittel Drei Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 74 %. Der Trend ist eindeutig: Bargeld wird in Zukunft an Bedeutung verlieren. Andere Länder, wie etwa Schweden, zeigen, in welche Richtung es gehen kann. Schweden möchte ab dem Jahr 2030 zu einer bargeldlosen Volkswirtschaft werden.

 

Bargeldlose Transaktionen in der EU mit Schätzungen bis 2023

Bargeldlose Transaktionen
Aber heute kann man mit Karten und dem Smartphone bereits bezahlen?

Ja, aber das Geld stammt von einem Konto bei einer Geschäftsbank und ist eine Forderung gegenüber dieser Bank. Bargeld hingegen ist eine Forderung gegenüber der Zentralbank. In einer bargeldlosen Welt hätten also Privatpersonen und Unternehmen keinen Zugang mehr zu Zentralbankgeld. Genau dieser Situation möchte die EZB mit der Einführung des digitalen Euro vorbeugen.

Handeln Zentralbanken wie die EZB nur, weil es bereits private digitale Währungen gibt?

Der digitale Euro ist nicht vergleichbar mit zum Beispiel dem Bitcoin. Bitcoin ist keine Währung im klassischen Sinn. Aber die vom Internetkonzern Facebook initiierte Währung mit dem Projektnamen «Libra» könnte zu einer Konkurrenz für Notenbanken werden. Mittlerweile steht ein breites Konsortium hinter dieser Facebook-Idee. Die Währung soll statt «Libra» nun «Diem» heissen. Diese Internetwährung soll noch im laufenden Jahr an den Start gehen und vor allem als Zahlungsmittel dienen. Damit tritt Diem direkt in Konkurrenz zu Dollar, Euro & Co. Auch deshalb dürfte der EZB daran gelegen sein, mit einem digitalen Angebot der privaten Konkurrenz das Feld nicht zu überlassen.

Wird das Euro-Bargeld ganz abgeschafft?

Auch nach Einführung eines digitalen Euro wird laut EZB-Chefin Christine Lagarde Bargeld nicht verschwinden. Eine digitale Form des Euro ist nicht als Ersatz für Bargeld gedacht. Beide Formen des Geldes sollen nebeneinander existieren.

Gibt es Negativzinsen auf eEuro-Guthaben?

Ob der digitale Euro für Private und Unternehmen ebenfalls mit einem Negativzins versehen werden kann, ist noch unklar. Zu vermuten ist allerdings, dass das so sein wird. Denn die Geldpolitik könnte damit auch dort durchgesetzt werden, wo es heute nicht geht. Dem Negativzins kann ja bislang mit einer vermehrten Bargeldhaltung ausgewichen werden. Geld würde damit mehr für Anschaffungen und Investitionen genutzt, was wiederum die wirtschaftliche Entwicklung stützt. Das Ergebnis entspräche also genau dem, was sich die Währungshüter wünschen. Denkbar wäre auch ein zweistufiges System, bei dem bis zu einem gewissen Betrag ein Satz gilt, wie ihn Banken für ihre EZB-Guthaben erhalten. Nur Guthaben, die darüber hinausgehen, würden mit Negativzins belastet.

Verschwinden mit dem eEuro Bankkonten?

Kaum. Während der digitale Euro eine Forderung gegenüber der Notenbank darstellt und Bankguthaben eine Forderung gegenüber der Bank, könnten Anleger allein aus Sicherheitsgründen, Guthaben breitflächig in das virtuelle Zentralbankgeld überführen. Dass nicht sämtliche Bargeldguthaben in die digitale Form überführt werden, könnte mit einem Mechanismus verhindert werden. Bei der EZB denkt man darüber nach, den digitalen Euro möglichst auf die Rolle eines Zahlungsmittels zu beschränken. Für Guthaben auf dem Konto des digitalen Euro könnte dann zum Beispiel ab 3'000 Euro ein Strafzins zum Zuge kommen. Dieser würde verhindern, dass zu viel Guthaben von den Bankkonten auf die Zentralbankkonten wandert. Zudem bieten Banken für Private und Unternehmen eine breitere Palette an Dienstleistungen als nur Transaktionskonten, wie zum Beispiel Finanzierungen, Kredite oder Vermögensverwaltung.

Wäre das Zentralbankkonto für den digitalen Euro nicht Zufluchtsort in einer Krise?

Die EZB sieht den digitalen Euro als Ergänzung und möchte keineswegs den Geschäftsbanken Konkurrenz machen. Käme es jedoch zu einer neuerlichen -Finanzkrise und einem dadurch ausgelösten Vertrauensverlust in den Bankensektor (also einem «Bankrun»), könnten Privathaushalte und Unternehmen ihre Gelder in grossem Stil von der Hausbank zugunsten der EZB-Konten umschichten. Kreditinstitute würden dadurch in Bedrängnis kommen, was schliesslich den gesamten Bankensektor ins Wanken bringen kann. In diesem Falle wäre auch die Kreditvergabe gefährdet, denn Bankeinlagen sind die Basis für Kredite. Selbst Negativzinsen könnten in einer Vertrauenskrise den Zufluss von Geldern auf die Zentralbankkonti wohl nicht verhindern. Es bedarf bei diesem Punkt noch weiterer Mechanismen, die genau einer solchen Situation vorbeugen. Ohne eine explizite Einlagen-Obergrenze wird wohl die EZB nicht auskommen.

Die EZB hat alle Informationen rund um den digitalen Euro auf dieser Webseite zusammengefasst:

https://www.ecb.europa.eu/euro/digital_euro/html/index.de.html

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Kommentare anderer Leser

Sofia
Die, 04/13/2021 - 18:19
Good day! Can I open an account with your bank to conduct cryptocurrency transactions?
Gabriel
Mi, 04/14/2021 - 12:03
Dear Sofia

Thank you very much for your comment regarding our article on CBDCs. Currently VP Bank does neither offer transaction accounts for crypto currencies nor CBDCs. However, feel free to take a look at the other first-rate banking products, which are presented on our website. Should you have any further questions, do not hesitate to reach out to our client service center:

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